Krankheiten

Wie viele unserer heutigen Rassehunde sind auch die Labrador Retriever von einigen erblich bedingten Krankheiten mehr oder weniger betroffen. Beim DRC (VDH/FCI) gibt es deswegen Zuchtauflagen und Empfehlungen an die Züchter um solche Krankheiten so gut es geht zu beseitigen bzw. zu verhindern. Dazu ist es notwenig bei dem Zuchthund Röngten- und Ultraschallunersuchungen sowie Gentests durchführen zu lassen.
Ich möchte hier einen kleinen Überblick schaffen und informieren um welche Krankheiten es sich dabei handelt.

HD (Hüftgelenksdysplasie) und Arthrose

Dr. Dieter Müller
Fachtierarzt für Kleintiere und Chirurgie
D 52525 Heinsberg

Was genau ist HD und wie kommt es dazu? Welche Hunde (-Rassen) sind besonders gefährdet?

Der Hund ist ein Lauftier und von seiner Natur her bis ins hohe Alter auf die ungestörte Funktion seiner Hüftgelenke angewiesen. Die Hüftgelenke sind der wichtigste Bestandteil seines Bewegungsapparates.
Die Hüftgelenksdysplasie ist eine erblich bedingte Fehlbildung des Hüftgelenkes. Die Hüftgelenkspfanne und der Oberschenkelkopf passen nicht zusammen. Sie sind in ihrer Form nicht aufeinander abgestimmt. Das kann daran liegen, dass entweder der Oberschenkelkopf samt Oberschenkelhals fehlgebildet sind oder die Hüftgelenkspfanne schlecht ausgebildet ist oder zu steil steht. Als Folge treten instabile Gelenkverhältnisse auf. Bei der Bewegung und Belastung zeigt das Hüftgelenk ein krankhaftes Spiel, welches zu einem Verschleiß der Gelenkknorpel führt.
Am häufigsten liegt bei der HD eine Fehlbildung der Gelenkpfanne (Acetabulum) vor. Ihre Form und Tiefe ist mangelhaft.
Die HD ist ein erblich bedingtes Leiden. Dass heißt, sie beruht auf Gendefekten. Leider ist nicht ein einziges Gen für das Auftreten der HD verantwortlich sondern die Veranlagung ist auf viel kleine Gendefekt verteilt. Deshalb spricht man auch von einem polygenetischem Leiden.
Wenn ein Hund Genschäden besitzt, die eine HD auslösen können, so bedeutet dies nicht, dass er unbedingt eine HD Erkrankung aufweisen muss. Es gibt noch weitere Faktoren (sogenannte Co-Faktoren), die das Auftreten einer offensichtlichen HD Erkrankung begünstigen oder auslösen. Dazu gehören extreme Belastung des Junghundes (extremer Leistungssport), schlechte Ernährung, Übergewicht oder krasse Fehlernährung.
In diesem Zusammenhang wird oft missverständlich von einer sogenannten „erworbenen HD“ gesprochen. Meist dient eine solche Formulierung dazu, das Entstehen der HD, den Co-Faktoren zuzuschreiben um von den Gendefekten des Hundes abzulenken und die wahre auslösende Ursache der HD zu verschleiern. Um es ganz klar zu sagen: Ein Hund ohne HD-Gendefekte wird auch bei ungünstigem Einfluss von Co-Faktoren nie an einer HD erkranken. Ein genetisch HD-belasteter Hund kann Glück haben und keine HD-Anzeichen zeigen. Das ist besonders tückisch, weil dieser Hund nach den HD Beurteilungskriterien als HD-frei eingestuft wird obwohl er es in Wirklichkeit nicht ist.
Bis heute gibt es keinen Test, der HD-Gendefekte erkennen lässt. Grundsätzlich können bei allen Hunden HD-Gendefekte auftreten. Bei großen Hunden, bei kleinen Hunden, bei Rassehunden und bei Mischlingen. Auch HD-freie Elterntiere bieten keine absolute Gewähr dafür, dass die Nachkommen Hd-frei sind.
Allerdings ist zu beobachten, dass größere Hunde häufiger eine HD aufweisen. Besonders häufig sehe ich derzeit die HD bei den Retrievern. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Ein Hauptgrund dürfte jedoch sein, dass die Retriever zur Zeit äußerst beliebt sind und entsprechend überproportional in der Hundepopulation vertreten sind.

Welche Untersuchungen sind nötig, um eine HD zweifelsfrei festzustellen?

Äußerlich ist eine HD leider nicht mit Sicherheit zu diagnostizieren oder gar auszuschließen. Hinweise können Bewegungsunlust, eiernder Gang oder Lahmheiten nach längerer Belastung sein. Manche Hunde wollen nicht so sehr Spielen und herumtoben wie die Wurfgeschwister oder verhalten sich eher ruhig und schlafen viel. Manche Hunde wollen auch nicht ins Auto springen oder zögern beim Treppensteigen. Lahmheiten der Hintergliedmaße können einseitig oder beidseitig auftreten.
Die Diagnose HD kann nur mit einer Röntgenuntersuchung unter kurzer Narkose festgestellt werden. Die Narkose erfolgt am besten mit einem Hypnotikum, welches intravenös über einen Venenkatheter verabreicht wird. Sehr gute Erfahrungen haben wir dabei mit dem auch in der Humanmedizin eingesetzten Propofol gemacht. Es ist überaus sicher und gut steuerbar; die Hunde sind wenige Minuten später wieder vollkommen wach. Die Herz- und Kreislaufbelastung ist sehr gering. Propofol eignet sich insbesondere für Welpen, Junghunde und Hunde mit einem erhöhten Narkoserisiko.


Untersuchungsmöglichkeiten beim Junghund/Welpen
  • Das HD Röntgen des Junghundes (Vorröntgen) ist vielleicht die wichtigste Vorsorgeuntersuchung überhaupt. Sie sollte routinemäßig im Alter von 5 bis 6 Monaten erfolgen. Besonders wichtig dabei, dass auch eine Stress-Röntgenaufnahme angefertigt wird, die die natürliche Belastung des Hüftgelenkes nachahmt und sogenannte lockere Hüften erkennen lässt.
  • Frühdiagnostik nach dem Penn-Hip-Verfahren. In den USA werden bereits Welpen im Alter von 16 Wochen im Rahmen einer HD-Vorsorge mit dem Stressröntgenverfahren untersucht. Auffällige Tiere können dann durch einen kleinen chirurgischen Eingriff, bei dem die Wachstumsfuge in der Beckenmitte behandelt wird, vor einer Ausbildung der HD bewahrt werden (Stichwort: Juvenile Symphysiodese). Die Erfolge dieses neuen Verfahrens sind sehr vielversprechend und ersparen spätere größere Operationen.
Anmerkung meinerseits!
Bei Vorröntgen und Penn-Hip-Verfahren ist umstritten ob es nun wirklich notwendig ist, oder nicht. Hr. Dr. Dieter Müller schreibt zwar in seinen nächsten Zeilen, dass es auch durchaus Sinn macht einen völlig gesund und HD-frei erscheinenden Hund zu röntgen, mich persönlich hält allerdings die Narkose, die dazu zwingend nötig ist, eher davon ab. Ich denke schon, dass das eine Belastung für den Organismus bedeutet und irgendwie tu ich mir sehr hart damit, bereits meinem sehr jungen Hund diese Belastung zuzumuten wenn absolut kein Verdacht besteht…
Unumstritten ist dagegen sicher, dass bei Früherkennung einer HD für den Hund noch viel mehr getan werden kann, damit er ein schmerzfreies Leben führen kann.
Für mich immernoch ein innerliches Streitthema.

Generell gilt bei jeglichem HD-Verdacht: Sofort und so früh wie möglich röntgen!
Es macht durchaus Sinn auch ein Hund, der völlig gesund und HD-frei erscheint im Alter von 5-6 Monaten röntgen zu lassen – damit man Gewissheit hat. Je früher die HD diagnostiziert wird um so besser sind die Chancen, den Hund erfolgreich behandeln zu können und ihm gesunde funktionale natürliche Hüftgelenke schenken zu können. Hüftgelenksprothesen lassen sich so vermeiden. Und sollte der Hund auch beim Stressröntgen ohne HD-Befund sein, so ist das doch ein gutes Gefühl der Sicherheit. Man weiss Bescheid und braucht sich keine Sorgen um die Zukunft zu machen.
Jedes Neugeborene wird in der Humanmedizin auf das Vorliegen einer HD mit Ultraschall untersucht. Leider ist dies beim Hundewelpen nicht möglich, da zum Zeitpunkt der Geburt das Welpenbecken bereits viel hartes Knochengewebe enthält, welches für den Ultraschall eine unüberwindliche Hürde darstellt.

Behandlungsmöglichkeiten

Kann ich irgendwie verhindern, dass mein Hund HD bekommt oder sich eine leichte HD verschlimmert? Ist Sport wegen des Muskelaufbaus eher nützlich, oder muss ich darauf achten, dass er sich nicht zu viel bewegt?
Die HD ist genetisch bedingt. Man kann also mit keinerlei Medikamenten, Futterzusätzen oder Spezialfuttermitteln die Ausbildung einer HD verhindern. Auch wenn das mitunter gerne behauptet wird. Bewegung ist immer gut, da sie die Muskulatur kräftigt. Durch Bewegung kann man keine HD verschlimmern oder deren Auftreten sogar provozieren. Junge Hunde müssen sich bewegen, müssen spielen und herumtoben besonders auch mit anderen Hunden. Nur wirklich extreme Belastungen (Klettern über hohe Hindernisse, hartes, körperliches Hundesporttraining noch wachsender Junghunde) können das Auftreten einer HD im Sinne der erwähnten Co-Faktoren bei genetisch belasteten Individuen begünstigen.

Muss jeder Hund mit HD operiert werden? Welcher Operationsmethoden und Alternativen gibt es?
Es klingt vielleicht schockierend, ist aber leider wahr. Wenn ein junger Hund an HD erkrankt ist, so kann nur eine Operation verhindern, dass er seine Hüftgelenke vollkommen verschleißt und später eine schmerzhafte Arthrose entwickelt. Wenn die Knorpeloberflächen im Hüftgelenk völlig verschlissen und zerstört sind, helfen nur noch Hüftgelenksprothesen oder eine Oberschenkelkopf-Hals-Amputation. Zur Schmerzbekämpfung bei Arthrosen können Medikamente (Schmerzmittel, Entzündungshemmer, Kortison usw.) eingesetzt werden. Nachteilig ist, dass sie alle den Organismus mehr oder weniger stark belasten und lebenslang gegeben werden müssen. Auch können unerwünschte Nebenwirkungen auftreten.
Grundsätzlich müssen wir unterscheiden, ob nur eine HD mit noch intaktem Gelenkknorpel oder bereits eine Arthrose mit geschädigtem Gelenkknorpel vorliegt. Das Krankheitsbild der HD betrifft vorrangig die Form und Tiefe der Hüftgelenkspfanne (Acetabulum), wesentlich seltener sind Abweichungen des Oberschenkelkopfes und Halses. Aus diesem Grund haben die erfolgreichsten operativen Verfahren das Ziel normale d. h. gesunde Verhältnisse der Gelenkpfanne wiederherzustellen.
Nur wenn die Anatomie und damit die Biomechanik des Hüftgelenkes normalisiert wird können nachhaltige Behandlungserfolge bei der HD des Junghundes erzielt werden. Die Altersgrenze für Umstellungen des Beckens liegt bei ca. 2 Jahren. Sie ist aber individuell festzulegen. Es können sehr wohl auch ältere Hunde operiert werden.

Nicht-operative Maßnahmen
Gewichtsreduktion
Viele Hunde mit HD sind übergewichtig. Eine Gewichtsreduktion kann die Beschwerden deutlich reduzieren und das Allgemeinbefinden bessern. Die Gelenke werden entlastet und die Arthrose schreitet unter Umständen nicht so weit fort.
Fazit:
Auf jeden Fall zu empfehlen; eine Abmagerungskur allein führt jedoch nur in den seltensten Fällen zum Erfolg.

Medikamente
In den meisten Fällen werden kortisonfreie entzündungs- und schmerzhemmende Medikamente gegeben. Der Erfolg ist unterschiedlich, die Hunde reagieren unabhängig von dem Schweregrad der HD. Die Spanne reicht von sehr guter Schmerzreduktion bis hin zu völligem Versagen der Medikamente. Aspirin wird von den meisten Hunden sehr schlecht vertragen und wirkt nur sehr kurz. Außerdem müsste es 3 x täglich gegeben werden. Alle Entzündungshemmer haben negative Auswirkungen auf die Blutgerinnung und müssen vor Operationen unbedingt abgesetzt werden.
Fazit:
Zur vorübergehenden Linderung durchaus geeignet. Zur Langzeittherapie nur bei alten Hunden geeignet. Die Schmerzen werden betäubt, der Verschleiß geht weiter. Nichts für junge Hunde.

Physiotherapie und Bewegung
Fachgerecht durchgeführte Physiotherapie ist immer zu empfehlen und fördert den Muskelaufbau. Unterwasserlaufbänder haben einen guten Trainingseffekt. genauso gut kann man den Hund schwimmen lassen, falls er Wasser mag. Auch Spazierengehen und Joggen sind empfehlenswert. Die Belastungsgrenze muss bei jedem Patienten individuell herausgefunden werden. Bei lockeren Hüftgelenken oder luxierenden Oberschenkelköpfen muss die Bewegung zur Vermeidung von schweren Knorpelschäden bis zu einer Operation deutlich eingeschränkt werden.
Fazit:
Physiotherapie ist besonders geeignet zur Beseitigung von schmerzhaften Muskelverspannungen und in der Rehabilitation nach Operationen.

Akupunktur
Das Setzen von Akupunktur-Nadeln durch einen Spezialisten kann zu einer guten Schmerzbefreiung führen. Es sind immer mehrere Sitzungen notwendig. Doch Vorsicht: Gerade auf diesem Gebiete tummeln sich leider viele Scharlatane, die irgendetwas von „Blockaden“ erzählen. Ein Langzeiterfolg ist bei der HD sehr fraglich.
Fazit:
Die Domäne und der Erfolg der Akupunktur liegen sicher auf anderen Gebieten, wo es gilt eine akute Schmerzattacke zu therapieren.

Homöopathie
Die moderne Tiermedizin hat keine Berührungsängste oder Vorurteile gegenüber der klassischen Homöopathie. Viele Tierärztinnen und Tierärzte haben gute Erfolge damit. Bei der Hüftgelenksdysplasie sind die Therapieerfolge leider sehr unbefriedigend. Homöopathika sind keine guten Schmerztherapeutika sondern eher für regulative Prozesse geeignet.
Fazit:
Nichts für die Primärbehandlung einer HD. Nach Operationen in der Rehabilitation durchaus empfehlenswert und frei von Nebenwirkungen.

Bachblüten, Bioresonanztherapie etc.
Zur Behandlung einer HD völlig ungeeignet und erfolglos auch wenn bisweilen Gegenteiliges behauptet wird.
Fazit:
Finger weg von solchen Therapieformen. Neben den Kosten wird wertvolle Zeit verschenkt, was dazu führen kann, dass der Gelenkknorpel bereits irreversibel geschädigt ist, wenn man sich zu einer effektiven Behandlung durchgerungen hat.

Futterergänzungsmittel: Muschelextrakte, Chondroitinsulfat, Hyaluronsäure etc.
Die Muschelextrakte und sonstige Nahrungsergänzungsmittel wie z. B. Gelatine haben günstige Auswirkungen auf den Gelenkstoffwechsel. Außerdem besitzen einige entzündungshemmende Eigenschaften. Diese Präparate können durchaus empfohlen werden. Insbesondere in der Rekonvaleszenzphase. Wie stark der therapeutische Effekt ist, kann jedoch nicht mit Sicherheit vorhergesagt werden.
Fazit:
Vor und nach einer operativen HD Behandlung immer angezeigt und empfehlenswert. Auch eine Langzeitgabe ist völlig unproblematisch. Als alleiniges Therapeutikum bei der HD nicht geeignet.

Operative Maßnahmen
Präpubische Symphysiodese beim Welpen mit HD
Dieser recht erfolgreiche und wenig belastende Eingriff ist bei Welpen, die eine lockere Hüfte aufweisen bis zu einem Alter von bis 24 Wochen möglich und verhindert zu 85% das spätere Auftreten einer HD im späteren Leben. Die Methode wurde von der amerikanischen Universität in Wisconsin im Jahre 2002 publiziert (engl. Juvenile Pubic Symphysiodesis, JPS). Die neue Methode ist ein äußerst vielversprechendes Verfahren zur Therapie der Hüftgelenksdysplasie. Es ist ein sicherer komplikationsarmer Eingriff. Durch die teilweise Zerstörung der Wachstumsfuge tritt der gleiche Effekt wie bei einer Dreifachen Beckenosteotomie auf. Der obere Pfannenrand schiebt sich über den Oberschenkelkopf und gibt ihm somit halt. Leider ist dieser Eingriff nur möglich, wenn die Welpen im Alter von 16 Wochen mit einer Stressröntgentechnik (Penn-Hip-Röntgentechnik) untersucht werden und dabei ggf. eine lockere Hüfte nachgewiesen werden kann.
Fazit:
Wäre eigentlich der Stein des Weisen in der Behandlung der HD: Sicher, erfolgreich, schonend und eine Eliminierung dysplastischer Hüften, da diese sich in gesundem Sinne weiterentwickeln. Aber es mangelt an der Bereitschaft zur Frühdiagnostik der HD. Nur die wenigsten Welpen mit lockeren Hüften werden in diesem Alter erfasst. Könnte dem Junghund mit HD viel zukünftiges Leid ersparen. Aber die Gendefekte werden damit nicht geheilt. Die Hunde vererben die HD weiter obwohl die Hüften „super“ aussehen. Betrugsmöglichkeit durch unseriöse Züchter nicht auszuschließen.

Muskelschnitte
Die Pektineus-Myotomie wird immer wieder empfohlen, Sie beseitige den schmerzhaften Zug dieses Adduktorenmuskels auf die Gelenkkapsel. Uralt-Verfahren mit geringer Erfolgsrate. Technisch relativ einfache, wenn auch nicht ganz gefahrlose Operation. Hauptnachteil: Der Pektineus-Muskel ist ein wichtiger Adduktor also Einwärtszieher des Hüftgelenkes. Er stabilisiert ein lockeres Hüftgelenk eher. Deshalb beim Junghund mit HD und lockeren Hüften absolut kontraindiziert. Wenn man den Muskel durchtrennt, kann man die Oberschenkelköpfe weit aus der Gelenkpfanne herausziehen, was auf dem Röntgenbild sehr gut zu demonstrieren ist.
Fazit:
Nichts für jüngere Hunde mit HD. Allenfalls geeignet für alte Hunde in Verbindung mit Nervenschnitten (Neurektomien), denen man größere Operationen ersparen will. Palliative Maßnahme beim alten Hund um ev. die Gabe von Schmerzmitteln reduzieren zu können.

Goldimplantate
Die Implantation von kleinen Goldstückchen in dem Bereich der Hüftgelenkskapsel an genau definierten Punkten wird vielfach empfohlen. Die Goldimplantate sollen im Sinne einer Dauer-Akupunktur den Schmerz am Hüftgelenk ausschalten. Durch diese postulierte Schmerzausschaltung werde das Hüftgelenk wieder besser belastet und die Muskulatur würde gekräftigt sodass sich das lockere Hüftgelenk wieder straffe und beschwerdefrei werde. Das Thema wird sehr heftig und kontrovers diskutiert. Nach meinen Erfahrungen ist die Goldimplantation bei jungen (!) Hunden mit HD leider absolut wirkungslos.
Wir müssen ständig viele Hunde mit „vergoldeten2 Hüften nachoperieren und eine Umstellung der Pfanne vornehmen (DBO). Selbst wenn man eine erfolgreiche Schmerzausschaltung unterstellen würde, die lockere Hüfte wird wegen der nach wie vor bestehenden Fehlstellung der Pfanne und der mangelnden Abstützung des Oberschenkelkopfes bestehen bleiben. Die Biomechanik und Anatomie des Hüftgelenkes werden nicht verändert. Außerdem wandern durch die Bewegung der das Hüftgelenk umgebenden Muskeln, die Goldimplantate hin und her. Sie verbleiben nicht an dem geforderten Akkupunkturpunkt.
Fazit:
Goldimplantate sind und bleiben umstritten. Sie können bei älteren Hunden mit schmerzhaften Arthrosen probiert werden, wobei es aber nach meiner Erfahrung auch hier wirksamere und lebenslang anhaltende Verfahren gibt.

Neurektomien (Nervenschnitte)
Bei diesem Eingriff, der manchmal auch irreführend als minimal invasiv bezeichnet wird, werden die von oben an die Hüftgelenkskapsel herantretenden Nerven durchtrennt, mit dem Ziel eine Schmerzausschaltung zu erreichen. Nach der Befreiung vom Hüftgelenksschmerz sollen die Patienten wieder beschwerdefrei laufen können, die Muskulatur kräftigen und auf diese Weise das Hüftgelenk stabilisieren.
Die Methode hat Schwachstellen. Es treten auch von unten sensible Schmerzfasern an die Hüftgelenkskapsel heran und die durchtrennten Nervenfasern haben die Eigenschaft mit der Zeit wieder zusammenzuwachsen. Das Phänomen, das man auch von den Nervenschnitten bei Pferden kennt, heißt Reintegration. Selbst wenn man unterstellte, die Schmerzausschaltung sei wirklich vollkommen, so ändert sich nichts an der Anatomie der zu steil gestellten Hüftgelenkspfanne, die mangelnde Abstützung des Oberschenkelkopfes bleibt bestehen. Außerdem wird durch die teilweise Gefühllosigkeit das HD-Gelenk rücksichtslos belastet und ein rasanter Verschleiß des Knorpels begünstigt.
Fazit:
Erwägenswerte Methode um bei alten Hunden vorübergehend die Schmerzen am Hüftgelenk auszuschalten. Nervenschnitte sind nichts für junge Hunde mit HD. Im Gegenteil eigentlich grenzt es schon an einen Kunstfehler sie bei Junghunden durchzuführen.

Raffung der Hüftgelenkskapsel
Bei dieser Methode wird die ausgeleierte Gelenkkapsel eines Hundes mit HD gerafft und damit das Hüftgelenk stabilisiert. Der Oberschenkelkopf kann nicht mehr aus der Pfanne gleiten. Diese Methode ist recht umstritten und ihre Wirksamkeit ist noch nicht ausreichend bewiesen. Langzeitresultate oder wissenschaftliche Studien fehlen. Niemand vermag zu sagen, ob die geraffte Hüftgelenkskapsel nicht wieder ausleiert, weil an der eigentlichen Ursache, nämlich der Fehlstellung der Hüfte nichts getan wird.
Fazit:
Unsichere Methode mit fraglichem Langzeiterfolg besonders bei nachfolgender Belastung und Nutzung des Hundes.

Knochentransplantation am Hüftgelenk – Pfannendachplastik
Bei dieser Methode wird ein körpereigenes Knochenstück (Transplantat) aus dem Bereich der Hüfte entnommen und direkt über der Hüftgelenkskapsel transplantiert. Auf diese Weise wird der obere tragende Rand der Pfanne abgestützt und erhält Halt. Da es sich um körpereigenes Knochengewebe handelt wächst der Knochen nach der Transplantation tatsächlich ein. Zusätzlich werden die Nervenbahnen durch das eingesetzte Knochenstück unterbrochen (Nervenschnitt-Effekt). Die Patienten sind sehr schnell schmerzfrei und wenn der Knochen eingewachsen ist können sie unbedenklich voll belastet werden. Es gibt Langzeitstudien, die die Effektivität der Pfannendachplastik wissenschaftlich beweisen. Die Operationserfolge sind sehr gut.
Fazit:
Empfehlenswerter und sehr erfolgreicher Eingriff bei Hunden mit HD und Arthrose, die älter als zwei Jahre sind. Der Einsatz eines künstlichen Hüftgelenkes kann mit dieser Methode häufig vermieden werden. Kann auch bei älteren und alten Hunden durchgeführt werden.

Hüftgelenksprothese
Das dysplastische fehlgebildete Gelenk wird durch eine Prothese ersetzt. Der Pfanneneinsatz besteht aus Polyäthylen, der Oberschenkelkopf aus einer Metallkugel, die über einen Stiel in der Markhöhle des Oberschenkelkopfes verankert wird. Häufig werden die Prothesen mit speziellen Knochenzement verankert. Es gibt auch zementlose Hüftgelenksprothesen, in die das Knochengewebe einwächst. Die Hüftprothetik ist ein erfolgreiches und bewährtes Verfahren, genauso wie in der Humanmedizin. Unabdingbar sind jedoch erfahrene Chirurgen und von der Größe her gut angepasste Implantate. Die Operationskosten sind sehr hoch und liegen im Bereich von 2.000 bis 3.000 €. Nach dem Hüftgelenksersatz muss die Hüfte verheilen. Es besteht sonst große Gefahr, dass der Oberschenkelkopf herausspringt. Die Haltbarkeit beim beträgt etwa 10 Jahre und ist belastungsabhängig. Die Prothesen können niemals die Eigenschaften eines natürlichen Hüftgelenkes besitzen und unterliegen einem Verschleiß. Es kann unerwartete Komplikationen geben z. B. durch Abstoßungen des Knochenzementes, Lockerungen und Infektionen im Prothesenbereich. Diese Komplikationen erfordern eine erneute Operation mit Entfernung oder Ersatz der Prothesenkomponenten.
Oft werden Hüftprothesen bei Junghunden mit schwerer HD als einzig denkbare Alternative neben der Euthanasie oder der Kopfamputation empfohlen. Grundsätzlich können Hüftgelenksprothesen erst nach Abschluss des Knochenwachstums eingesetzt werden, da sie nicht mitwachsen können. Der an HD-leidende Junghund soll vielfach mit Schmerzmitteln bis zu einem Jahr ruhiggestellt werden, um dann ein- oder beidseitig Prothesen zu erhalten. Hier stellt sich die Frage ob ein solches Vorgehen ethisch gerechtfertigt ist, weil fast alle Hunde bis zu einem Alter von 2 Jahren durch eine Dreifache Beckenosteotomie (DBO) geheilt werden können. Selbst bei schwersten Luxationen des Oberschenkelkopfes. Ist es nicht grundsätzlich besser ein natürliches Hüftgelenk zu erhalten, welches nach der Umstellung mit einer DBO lebenslang voll belastet werden kann, als ein künstliches Hüftgelenk mit allen Unwägbarkeiten zu implantieren?
Fazit:
Hüftprothesen sind etwas für Hunde mit schweren Arthrosen, bei denen die Knorpeloberflächen total abgerieben und zerstört sind. Bei Junghunden und Hunden bis zu einem Alter von zwei Jahren ist die DBO unbedingt vorzuziehen zumal die Hunde bereits ab einem Alter von 5 Monaten operiert werden können.

Oberschenkelkopf-Hals-Amputation
Der Oberschenkelkopf und Anteile des Halses werden amputiert, damit kein schmerzhafter direkter Knochenkontakt mehr mit der Hüftpfanne besteht. Die Knorpelauskleidung der Pfanne wird dabei entfernt. Nach der Operation bildet sich eine bindegewebige Verbindung zwischen Oberschenkelschaft und der Gegend der Pfanne aus. Die Muskulatur muss das Gewicht des Hundes tragen. Eine knöcherne Abstützung fehlt. Die Schmerzfreiheit ist meist gegeben aber es kommt fast immer zu einem humpelnden Gang. Die Methode sollte ernsthaft nur für Hunde bis zu einem Körpergewicht von 20 kg erwogen werden. Bei kleinen Hunden sind die Gangabweichungen unter Umständen tolerabel.
Fazit:
Alternativmethode zur nachhaltigen Schmerzbefreiung bei HD und kleinen Hunden. Es handelt sich um eine nicht rückgängig zu machende Amputation des Hüftgelenkes. Die Operationskosten sind relativ gering.

Dreifache Beckenosteotomie (DBO)
Bei der DBO wird die direkte anatomische Grundlage der HD angegangen. Das zu flache und zu steil gestellte Hüftgelenk. Das Knochensegment mit der Gelenkpfanne wird so weit gedreht bis der Oberschenkelkopf wieder festen Halt hat. Um den Beckenabschnitt drehen zu können müssen die Knochen im Bereich des Hüftbeines, Sitzbeines um Schambeines durchtrennt werden. Nach der Schwenkung wird das Becken in der anatomisch korrekten Position mit einer Stufenplatte verschraubt. es wächst innerhalb von 3 Monaten fest zusammen. Vereinfacht gesagt sehen die Hüftgelenke nach der Operation so aus als ob der Hund mit gesunden Hüftgelenken auf die Welt gekommen wäre. Die Langzeiterfolge sind hervorragend. Die Zufriedenheit der Tierbesitzer mit diesem Eingriff ist sehr hoch. Die Hunde können nach der Abheilung ohne jegliche Einschränkung belastet werden. Eine DBO hält
lebenslang und bewahrt vor der Ausbildung einer schmerzhaften Hüftgelenksarthrose.
Besonders vorteilhaft ist es, wenn Hunde noch während des Wachstums operiert werden. Nach der DBO modellieren die Oberschenkelköpfe im Verlauf des weiteren Wachstums die Hüftpfanne besonders tief aus (formativer Reiz). Es können Hunde bis zu einem Alter von 2 Jahren operiert werden solange keine schweren Arthrosen vorliegen. Auch ältere Hunde kommen eventuell als Operationskandidaten in Betracht. Die Gelenkverhältnisse müssen dabei individuell beurteilt werden. Es ist eine technisch sehr schwierige und anspruchsvolle Operation, die von nicht all zu vielen Chirurgen sicher beherrscht wird. Der Operateur kann sehr viele fatale Fehler begehen, weil große und lebenswichtige Nerven und Gefäße direkt im Operationsgebiet verlaufen, die keinesfalls verletzt werden dürfen. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Erfahrung und die Übung des Chirurgen. Man sollte nach der Zahl der durchgeführten Eingriffe fragen. Ganz wichtig ist auch, dass die Originalstufenplatten nach Slocum verwendet werden. Es gibt unzählige Nachbauten, die häufig zu Misserfolgen führen. Hier wird mitunter leider zu Lasten des Hundes herumexperimentiert.
Fazit:
Die Dreifache Beckenosteotomie (DBO) ist der Goldstandard in der erfolgreichen Langzeittherapie der HD von jüngeren Hunden. Dysplastische Hüftgelenke können (selbst bei luxierten Köpfen) gerettet werden und funktionieren klaglos ein Leben lang. Vermeidet den Einsatz von Hüftprothesen bei jungen Hunden mit HD und ist deutlich kostengünstiger.

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